Heute Abend war ich mit Schlumpf, Evelyne und Wolfgang in Herr der Ringe in Concert, was wir Wolfgang zum Geburtstag schenkten. Um den Abend in seinen Worten zu beschreiben “Meine Fresse!”.
Aber zurück zum Anfang. Wir holten die Karten in der Erwartung, eine halbwegs musikalisch angenehme Wiedergabe des wunderschönen Soundtracks von Howard Shore zu Peter Jacksons Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Meisterwerk zu hören. Der Titel der Veranstaltung legte auch all dies nahe, immerhin heisst es dort wörtlich:
Tolkien Ensemble, Hollywood Orchestra & Christopher Lee präsentieren die Musik aus der Filmtrilogie Der Herr der Ringe
J.R.R. Tolkiens Meisterwerk als Live-Konzert mit der Musik von Oscarpreisträger Howard Shore, Annie Lennox und Enya
Eins muss man ihnen lassen: Sie haben gutes Marketing und definitiv auch ein wenig Achtung verdient sich mit der miserablen Gesamtleistung unter dem Titel auf eine Bühne zu stellen und fast 50 € für eine Karte zu verlangen.
Was wird einem geboten? Eigentlich viel mehr als man erwartet: Man sieht vier völlig unabhängige Nacherzählungen der Ringgeschichte. Eine besteht aus Christopher Lee, der in eingespielten Videoclips einmal am Anfang “Guten Abend” sagt und dann auf englisch irgendwelche Sachen zu den Filmen um zum Gesamtwerk erzählt die mit dem Rest der Show eigentlich nichts zu tun haben. Bemerkenswert war allenthalben die Qualität der Wiedergabe, denn bei einigen Clips lief die Video und die Tonspur unterschiedlich schnell, ein Segment brach in der Mitte ab und eins haben wir zwei mal hintereinander gehört (wo sogar einige aus dem Orchester und Chor das Grinsen nicht unterdrücken konnten). Gegen Schluss fing er gerade mit der moralischen “The most important message of The Lord of the Rings is Friendship”-Rede an, als einer der Solisten, die das Video sehen konnte nach hinten hechtete und den Dirigenten das Orchester abwürgen liess, damit sie nicht das Schlusslied darein spielen… Alles in allem also eine perfekte technische Darbietung wie man sie auf vielen Volksfesten, VHS Diavorträgen oder Proseminaren schon besser gesehen hat.
Die zweite Erzählschnur ist ein Erzähler an dem Platz an dem man nach den Plakaten eigentlich Christopher Lee erwarten hätte, steht doch über den kompletten oberen Rand fett “Christopher Lee präsentiert”. Statt dessen sass in einem schönen Ledersessel ein Erzähler, der zwischen, während und nach der Musik die Geschichte des Ringes erzählte. Von der grossen Schlacht, von Sauron, den Hobbits, dem Rat bei Elrond, dem Kampf in Moria, und so weiter. Ausser das er zu laut war kann ich ihm neben ein paar Verlesern eigentlich nichts vorwerfen.
Das Problem waren die anderen, parallel laufenden Geschichten. Die ganze Handlung wurde auch noch in Form von Bildern gezeigt, die jeweils ein Segment der Handlung darstellten (Bilbos Geburtstag, der Angriff der Reiter, usw.) und die durchaus nett gemacht abgefilmt auf den Leinwänden an der Bühnenseite gezeigt wurden wo vorher auch Christopher Lee zu sehen war. Was die Bilder teilweise unerträglich gemacht hat, war ihre völlige Asynchronität zu dem Verlauf des Erzählers, aber das hat wie wir dann merkten wohl System:
Die vierte und letzte Ringerzählung geschah nämlich durch die Musik. Von dem Thema der Hobbits bis zu den Orks, von Enyas bis zu Annie Lennox’ Werk wurde viel der Filmmusik so nachgespielt wie es auch jedes andere Zweitklassige Orchester mit 30 Leuten nach ein paar Tagen Proben hinkriegen würde. Neben den teilweise einfach schrägen Tönen und Tempo-äh-missverständnissen die vorherrschten war zu allem Übel das Orchester oft mit seinen Themen weder beim Erzähler noch bei den Bildern. Der Erzähler spricht beispielsweise von dem Hilfegesuch der Hobbits bei Baumbart, wir sehen auf den Leinwänden Saruman in seinem Turm und das Orchester spielt voll Inbrunst und mit leicht dissonanten Blechbläsern das Thema der Gefährten. Die Bilder zeigen Kankra (die musikalisch oder beim Erzähler nie vorkommt) und wir hören das Mordorthema zu Erzählungen von Gondor und Minas Tirith. An das Thema von Rohan, von Kankra, das Schlusslied des zweiten Films und vieles mehr haben sie sich dann gar nicht erst rangetraut, dafür aber viel dazugemacht und das sorgte dafür, dass der Abend wenigstens unterhaltsam war:
In einer der seltenen Szenen als wenigstens Erzähler und Musik an der gleichen Stelle der Handlung waren hört man von Frodo und Sam, wie sie alleine durch die Totensümpfe gehen und sich zurücksehnen nach einem Abend in einer Kneipe im Auenland und schon spielt die dem Orchester vorgelagerte Band mit Fiedel, Pfeife, Akkordion und Westerngitarre ein Irisch klingendes Tanzlied zu dem einer der Liedtexte von Tolkien gesungen wird. “Nett” denkt man gerade als plötzlich auch das komplette Orchester einsetzt und mit Streichern die Irischen Weisen unterstützt und plötzlich die drei Gesangs-Solistinnen aus ihrer Starre erwachen und mit Schellenkranz über die Bühne tanzen. Nach der fünften oder sechsten Wiederholung fragt man sich kurz, was das jetzt mit dem Herrn der Ringe zu tun hätte aber da bemerkt man, dass der 20-Köpfige Chor ebenfalls begonnen hat mit rhythmischen “Mm-bap-bap”s ihren Riverdance-Zwang loszuwerden. Das Publikum hat inzwischen begonnen auf die Eins und die Drei zu klatschen und man ist immer noch leicht verwirrt als das Licht für die Pause angeht.
Meine in der Pause aufgestellte Theorie ist, dass das wirklich die Crew von Riverdance war, die immerhin Anfang Februar sowieso in der Saarlandhalle sein werden und vielleicht die kurzfristig am Norovirus erkrankte Mannschaft vom Herrn der Ringe ersetzte. Da die Irish-Folk-Sachen immer von der Band vorne ausgingen war die zweite Theorie, das selbige sich einfach ein Orchester und einen Chor gesucht hat, ein Christopher Lee Interview und einen Bildband “Herr der Ringe Bilder in falscher Reihenfolge” gekauft hat und damit jetzt grosse Abzocke betreibt. Aber unsere Gedanken wurden leider von einer zweiten Halbzeit verdrängt.
Hier lief alles wie vorher und mit den Möglichkeiten “Ärgern” oder “Einfach nicht ernstnehmen” haben wir uns für die zweite entschieden und Spaß an der letzten Hälfte des Konzerts. Zwei Dinge gab es hervorzuheben: Die Klimax der Handlung wurde dadurch unterstützt, dass zum ersten Mal seit Beginn der Veranstaltung Musik, Erzähler und Bildmaterial gleichzeitig an der selben Stelle der Geschichte waren und das auch bis zum Schluss blieben. Der widerum hätte einfach bei der durchaus angenehmen Darbietung von Into the West enden können, aber die dachten sich “Du, den Irish Folk den könne’ma ja am besten” und spielten nicht nur eine, nein, nicht zwei, nein sogar drei Zugaben des ein- und selben Irish Folk Stückes (wenn auch mit Liedtexten von Tolkien hinterlegt). Das Publikum war jetzt hin- und hergerissen mit den Solistinnen, die beim Ringeltanzen angekommen waren auf der Eins und Drei zu klatschen oder mit dem Erzähler, der leicht debil grinsend und auf den Füssen wippend an der Seite stand auf der Zwo und Vier zu bleiben oder einfach wie der Fiedler in der ersten Reihe so schnell zwischen verschiedenen Tempi zu wechseln, dass das mit den betonten Zählzeiten sowieso egal wird.
Ein Resumee? Bleibt da weg, es sei denn aus einem Trash-Gedanken um sich einen Abend kopfschüttelnd zu fragen, wofür Leute Geld ausgeben. Leider muss man dafür vorher selber Geld ausgeben. Die Gruppe ist übrigens tatsächlich eher eine Irish-Folk-Gruppe, die laut Ihrer Wikipediaseite schon seit über zehn Jahren Lieder und Gedichte von Tolkien vertonen und damit auch CDs aufnehmen. Warum dann gerade die sich ein schlechtes Orchester, einen zusammengewürfelten Chor und ein paar Solisten schnappen und unter dem Vorwand die Musik von Shore nachspielen zu wollen jede Gelegenheit nutzen, ihre (übrigens durchaus guten) Eigenkompositionen unter’s Volk zu bringen weiss ich auch nicht, aber die Show drumrum hätte einen etwas professionelleren Touch schon vertragen.
So. Mir geht’s besser, dem Blog tut ein Eintrag so alle paar Monate auch nicht schlecht und jetzt muss ich erst mal wieder die Soundtrack-CDs hören :-).

