In zwei Tagen sind drei Monate ‘rum und wie mehrfach angekündigt hier mein ausführlicher iFahrungsbericht – äh – Erfahrungsbericht zum iPhone 3G. Gekauft hab’ ich mir’s auf Ebay von jemandem der’s in Italien und somit Simlockfrei gekauft hat und benutze es hier mit meinem deutschen O2-Vertrag. Das klappt (wenn man mal gefunden hat, wo man den APN für mobiles Internet einstellt) auch alles reibungslos. Visual Voicemail hab’ ich dadurch nicht und auch alle Kostenkontrolle-Apps, die die Telekominklusiva abfragen sind nutzlos, aber – dafür ist’s ein iPhone.
Bei aller Fanatie und allem Ich-will-nie-wieder-ein-anderes-Handy gibt es einiges was mich rational betrachtet eigentlich davon abhalten sollte, das Gerät gut zu finden, aber irgendwie ist Ratio nicht der richtige Weg um mit einem iPhone umzugehen. Der Vollständigkeit halber hier also all das, was mich in den ersten 12 Wochen genervt hat:
EINSTELLUNGEN. Das iPhone hat nur zwei Audioprofile. Genauer gesagt eigentlich nur eins. Man kann die Lautstärke und einen Standardklingelton wählen (der sich auch aus beliebigen Sounddateien mit ein wenig Geschick selber herstellen lässt, kann für SMS einen von 6 voreingestellten nicht veränderbaren Tönen wählen und kann für “Neue Sprachnachricht”, “Neue Email”, “Email gesendet”, “Kalender-Warnhinweis”, “Sperren des Telefons” und “Tastaturanschlag” festlegen, ob ein dafür fest eingestellter Ton kommt oder nicht. Außerdem ist einstellbar, ob bei diesen Signalen das iPhone vibriert oder nicht. Für “Lautlos” ist dann einfach bei allem oben genannten der Ton weg, und man kann lediglich wählen, ob’s vibriert oder nicht. Ein Profil “ganz Lautlos” und ein Profil “Lautlos aber mit Vibration” lassen sich also nicht bedienen, es sei denn man verzichtet komplett auf die Töne. Auch ein “Spiel meine Klingeltöne aber vibrier nur bei ‘ner Email” geht nicht. Sehr seltsam, unverständlich und hoffentlich in einer späteren Firmware weniger restriktiv. Gut an dem Konzept ist, dass man die Profile mit einem der wenigen Hardwareschalter wechselt und so ein haptisches Feedback hat, ob die Töne gerade gehen oder nicht. Bei meinen vorherigen Händis konnte ich zwar mehr Profile definieren, diese aber nicht mal eben in der Hosentasche wechseln. Je länger ich es benutze, desto wichtiger wird dieser Hardwareschalter. Von 5 Bedienelementen eines ausschliesslich für das Umschalten der Audioprofile zu reservieren ist schon sehr angenehm, und eine gute Lösung, wie man hier mehr als 2 Profile unterstützen will fällt mir selber nicht ein. Schade bleibt nach wie vor, dass die SMS-Töne nicht wählbar sind, aber – dafür ist’s ein iPhone.
SMS. Die Zahl der Zeichen bei einer SMS wird nicht angezeigt. Warum? Abgesehen von den Kosten, die bei 100 freiSMS im O2-Onlinevertrag nicht wirklich das Argument sind, ist es für die Empfänger, deren Händis vielleicht nicht aus 3 konsekutiven SMSen eine machen blöd, dann noch eine dritte SMS mit einem einzelnen Buchstaben zu bekommen, die man ja leicht hätte verhindern können. Bis jetzt hat sich aber noch niemand beschwert und – dafür ist’s ein iPhone.
IMAP. Einkommende Mail wird nur in der INBOX automatisch gecheckt. Selbst wenn man die Mails nicht periodisch checken lässt (um Push mit normalen IMAP Servern zu simulieren) gibt es keinen Knopf à la “Kuck alle meine Mail”, sondern die Liste an sich wird geupdated, wenn ich in der Folderübersicht auf “Aktualisieren” klicke (wenn also Folder dazukamen oder wegfielen) und die INBOX wird synchronisiert. Jede andere Mailbox (egal ob subscribed oder nicht) wird genau nur dann synchronisiert wenn ich sie öffne. Insbesondere blöd ist das User Interface an der Stelle, da die Folder kleine blaue Nummern (Badges) haben, wieviele neue Nachrichten noch enthalten sind und diese bleiben (veraltet) bestehen. D.h. wenn ich nie in meinen “Chor” Folder kucke, aber noch eine ungelesene Mail hatte bleibt die da auf immer als “neu” stehen. Immerhin gibt’s massig Foren wo man sich über das Problem beschwert und es existiert die Hoffnung, dass die neue Firmware vielleicht was behebt (wobei man das schon vor der 2.0 vergeblich hoffte und jetzt die 2.2 kam in der’s wieder nicht drin war…). Was wegsortiert wird ist aber ja auch meistens nicht so dringend und ausserdem – dafür ist’s ein iPhone.
EMAIL. Ich kann nicht einfach einen Adressaten einer Mail vom CC zum To schieben. Inbesondere nervt das, wenn man bei einer Mail an viele Leute einem bestimmten antworten will, der aber nicht der ursprüngliche Sender war. Im Moment schicke ich dann an ein leeres To und mein Adressat steht im CC aber schön ist das ja auch nicht… Wenn ich nur zu blöd bin, und man einfach nur beim schieben gleichzeitig schütteln muss oder so, bitte helft mir :-). Der Punkt nervt dadurch besonders, dass es ja (siehe unten) keine Zwischenablage gibt, und ich tatsächlich die Adresse nur durch Neutippen oder neu-aus-dem-Adressbuch-Auswählen in das andere Headerfeld bekomme, aber – dafür ist’s ja ein iPhone.
VIDEOIPOD. Beim Abspielen von Videos kann ich die Aspect Ratio nicht einstellen. D.h. wenn das leider inzwischen nicht mehr existente tvprog.org Dinge aufnimmt, die in echtem, anamorphem 16:9 ausgestrahlt wurden sind die Köpfe ein wenig Eierförmig. Da ich diesen Onlinevideorekorder verwendete um mir dank dessen mp4-Format die Konvertierung zu sparen ist’s dann blöd, jedes Video vorher am Rechner umrechnen zu müssen.
IPOD. Playlistenerstellung ist nur am Rechner möglich und iTunes hat keine (mir bekannte) vernünftige Unterstützung von Soundtrack oder anderen Various Artists Alben. Um halbwegs sinnvoll mit diesen Platten umzugehen müsste ich eigentlich jede Platte die ich zugefügt habe nochmal einzeln markieren und allle Tracks zusammenfassen (“Compilation” setzen und ein gemeinsames Album eintragen). Das wird erschwert durch die fehlene Möglichkeit sich den originären Speicherort der MP3s anzeigen zu lassen geschweige denn danach zu sortieren. Was bleibt: Alles wieder raus aus der Mediathek und auf Filesystemebene mit externen Tools die ID3-Tags manipulieren. Nicht behoben ist dadurch das Playlistproblem, da ich im Prinzip vorhersehen müsste auf was ich Lust habe und bei meiner breitgefächerten Musiksammlung keine Lust auf “Shuffle All” habe. Mal kurz alle John Williams-Soundtracks zusammenfassen und nur die Shuffeln kann ich nur, wenn ich vorher auf dem Rechner davon eine Liste angelegt habe. Auch bei diesem Punkt: Wenn ich nur mit dem Zeug nicht umgehen kann – ich bin für jede Hilfe dankbar. Genius und der automatischen Playlisterstellung möchte ich mich nicht anvertrauen – dafür höre ich dann zu selten Musik mit dem Ding, aber ein einfaches “die-drei-Komponisten-jetzt”-Knöpfchen wäre schon nett – auch wenn’s ein iPhone ist.
WEB. Viele Webseiten, die prinzipiell für mobile Anwendung gedacht sind (z.B. pda.saarfahrplan.de) werden blöd dargestellt, da sie den Viewport nicht setzen. Eigentlich sollte der Mobile Safari manns genug sein, zu erkennen, dass die Seite nicht breiter ist und direkt reinzoomen (ein Doppel-Tap tut’s zwar, ist aber lästig). Dafür sind aber nahezu alle Seiten, die ich besucht habe besser zu lesen als auf jedem mobilen Browser, den ich vorher in der Hand hatte (und ich bezweifele, dass ich seit dem Blazer von Handspring einen verpasst habe).
CALENDAR. Der Kalender synchronisiert unter Windows ausschließlich mit Outlook. Ein offener SyncML Client existiert zwar für die Kontakte, aber ohne Jailbreak kann man den Kalender nicht aus Drittsoftware heraus beschreiben. Lösungen, die über Dreiwegesynchs das iPhone über iTunes mit Outlook und dann Outlook über Plugins mit Google Calendar abgleichen kenne ich, sehe ich aber nicht ein. Ich hätte gerne einen Onlineabgleich mit Google Calendar ohne iTunes und erst recht ohne Outlook und Plugins dazwischen. Vielleicht ja die nächste Firmware. Bevor mich jemand auf NuevaSync und ähnliche Produkte hinweist: Was die (so weit ich das herausfinden konnte) alle nicht können, ist, auch abbonierte Kalender aus gCal mit zu importieren. Was nützt mir mein eigener Kalender in der iPhone-Kalenderapplikation wenn ich trotzdem die Termine der Arbeit oder meines Chores nochmal einzeln übertragen oder besser noch im Kopf behalten muss. Da Google aber ein sehr angenehmes Webapp für iPhones designt hat, bin ich gar nicht so böse und benutze das so lange – auch wenn’s nicht vom iPhone ist.
FOTOS. Die Fotos, die ich mit dem iPhone schiesse werden nicht einfach in iTunes synchronisiert um in irgendeinem Ordner auf meiner Platte zu landen, nein. Die ganze Synchronisation geht nur auf das Gerät, nicht davon runter. Dafür meldet sich das iPhone auch Windows gegenüber als Kamera über USB, so dass man mit den Standard Kameraassistenten oder auch direkt mit Photoshop und Konsorten auf die Bilder zugreifen kann. Sobald man’s weiss geht’s – vorher sucht man vergeblich. Selbst wenn man’s weiss ist es immer noch ein Schritt mehr als der normale Sync.
AUTOKORREKTUR. Entgegen aller Unkenrufe in den Medien ist die Autokorrektur eigentlich von der Bedienung so, wie sie sein sollte. Es wird häufig darüber gelacht, dass man auf einen Vorschlag tippen muss um ihn abzulehnen, aber das entspricht tatsächlich eher dem intutiven Gefühl. Buchstabendreher, fehlende Umlaute, versehntliches Prellen – all das wird einfach durch die Autokorrektur erfasst, korrigiert und bei der nächsten Leertaste übernommen. Mitlesen muss man – da ja kein haptisches Feedback da ist – eh’, somit sieht man auch direkt, wenn ein Vorschlag danebengeht und kann in einfach wegklicken bevor man weitertippt. Das einzige was man ändern sollte, ist das Wörterbuch (wenn überhaupt eins existiert). Gerade bei unüblichen Worten oder Orst- und Eigennamen schlägt das iPhone Alternativen vor, die auch in keinem Wörterbuch stehen, ihm wohl aber heuristisch wahrscheinlicher erscheinen. Da blickt man nicht immer durch. Auf der anderen Seite lernt er schnell und hat nach zwei Versuchen aufgegeben mir Bacharach durch Bacharsch zu ersetzen und ausserdem – es ist ein iPhone.
APPSTORE. Das wohl stärkste Plus überhaupt. Eine große aber noch überschaubare Menge an Software für nahezu jeden Verwendungszweck. Alles Geschrei über warum Apple so einschränken würde, was hierein kommt und warum man nicht einfach auf sein eigenes Gerät beliebige Software machen darf finde ich übertrieben. Gerade dass es ein gepflegter und durchgesehener Katalog ist, macht ihn überhaupt benutzbar. Ich habe lange Zeit in den Anfangsjahren vom Palm mit Webseiten wie palmgear.com gelebt wo man die Spreu und den Weizen einfach zusammeneinsortiert hatte. Bei jeder Software erst mal bangen müssen, ob sie sich auch mit allen Hacks verträgt, die installiert waren, nach vielen Neuomstallationen mit versteckten Resettechniken das Launcherreplacement deaktivieren damit das neue Spiel vielleicht doch läuft… Auf der einen Seite gewinnt man natürlich an Breite, aber man bezahlt durch hohen Aufwand bei der Suche und dem Test neuer Software. Hier weiss ich, dass das was im AppStore steht funktioniert und solange ich den noch nicht ganz durchgelesen habe wird mir auch keine unlizenzierte 3rd-Party-App fehlen. Schliesslich ist’s ein iPhone.
APPs. Zu guter letzt die obligatorische Liste der Programme, die mir in den drei Monaten ans Herz gewachsen sind und die ich auch nach einer Zeit noch benutze:
Feeds / Lesen / Web2.0:
ByLine ist ein sehr angenehmer Offline-GoogleReader-Client. Er synct alle Folder und darin enthaltenen Beiträge und ist angenehm zu lesen. Trailers sammelt alle Neuerscheinungen an Filmen und liefert Poster, Besetzung sowie alle erschienenen Trailer (auf englisch) als Youtube-Links. Nett ist, dass man auch Trailer offline speichern kann um in den wenigen Momenten ohne WLAN und 3G Netz auch noch kucken zu können. Shakespeare enthält (kostenlos!) den kompletten Shakespeare in nett lesbarer Form, mit Bookmarks und verstellbarer Schriftgröße. Twinkle schliesslich ist ein schön aufgemachter Twitter-Client mit Loaction-Features (nebst “Liveticker” aller Weltweiten Twitterer, um sich ein wenig wie der BND zu fühlen).
Produktivität:
RTM ist der Remember the Milk-Client für’s iPhone. Die App ist kostenlos, man braucht aber einen 25$/Jahr pro-Account um sie benutzen zu können. Wer noch keine Todo-Applikation hat und auch von GTD, ZTD oder welchem Zeitmanagementsystem auch immer angefixt ist sollte die 10-Tage-Test auf jeden Fall mal probieren. In Kombination mit der Web-App ein hilfreicher persönlicher Sekretär mit Features wie “Tasks in meiner Nähe”, unter zuhilfenahme der GPS-Lokalisierung. Als Produktivitätstools verwendet ich ansonsten hauptsächlich die eingebaute Mail-App und Google Calendar als Bookmark-App.
Spiele:
PuzzleManiak ist eine Sammlung von 20 verschiedenen Knobelspielen die alle mit unendlich vielen generierten Leveln daherkommen. Einige sind zwar leider nicht deterministisch lösbar, aber für mich ist noch genügend an neuen und alten Spielideen dabei. Alle Einzelspiele haben eine tägliche Webchallenge mit Tages- und Wochenbestenlisten und man kann einzelne Partien freigeben damit sich Andere an dem gleichen Level messen können. Enigmo ist definitiv das am schönsten gestaltete Spiel das ich bisher für’s iPhone gesehen habe. Es verbindet Elemente von Crazy Machines und Lemmings indem man tropfende Flüssigkeiten mit einer vorgegebenen Menge von Brettern, Trichtern und Trampolins in ihre Auffangbehälter schaffen muss. Alleine für die Grafik und den Sound lohnt es sich schon. Eine andere Art der Knobelei bietet Subway mit einer netten Spielidee und Aufmachung. Am besten die kostenlose Lite-Version mit den ersten 5 und zwei späteren Leveln mal probieren wenn man deduktive Hin- und Herschieberei mag. Tap Tap Revenge darf natürlich nicht fehlen – ein Guitar Hero Klon mit garantierter Sehnenscheidenentzündung aber immerhin Originalsongs in guter Qualität.
Cooles Zeug:
Shazam ist der ideale Problemlöser für “Wie heisst das Lied da im Radio”. Es erkannte bis jetzt nahezu alles, was ich im Fernsehen oder Radio sah und dessen Titel und Interpreten mich interessiert hatten. Einfach 5-10s mitschneiden, an einen Server schicken und Sekunden später Albumcover, Namen und Kauflink zum iTunes-Store. iChalky macht einfach nur Spaß und ist eine nette Demo der Physikengine und des Accelerometers. CS2 ist eine Funkuhr im Design der Atomuhr mit der auch beim Programmstart synchronisiert wird. Nett für Sylvester. Flashlight hilft sich nachts im Zimmer zurechtzufinden ohne Licht anzumachen und DualLevel hilft beim Bilder aufhängen und mit WeatherPro hat man nicht nur das aktuelle Wetter sondern auch noch Strömungs- und Radarfilm immer dabei.
Cooles Zeug, das Musik macht:
Immer ein Klavier dabei hat man mit Pianist. Kostet zwar, hat aber dafür einen verträglichen Klang und ist Polyphon. Monophon geht’s mit Ocarina oder Dingaling – danach wollte ich keine Instrumente mehr ausprobieren :-). Zum selber Musik machen eigentsich das iRealBook mit 500 Jazzstandards nach Titel und Interpret sortierbar mit kompletter Akkordfolge in der Originalschriftart und transponierbar. Leider aus Copyrightgründen ohne Melodie, aber die braucht man als Pianist ja auch nicht.
Cooles aber echt sinnloses Zeug:
eShaver ist um einiges besser als der kostenlose iShave und für die 79 cent kann man auf jeden Fall ein paar Leute verwirren (oder verjagen). Auch Lightsaber braucht man in dem Sinne nicht wirklich, will man aber trotzdem haben. RotaryDialer klingt schön und lässt einen mit echter Wählscheibe wählen.
Alles in allem bin ich (wie man merkt) ziemlich zufrieden und kann weiterhin alle Kritik mit einem unumstößlichen “aber dafür ist’s ein iPhone” abtun.
Die Vorlagen für die Hintergrundbilder sind größtenteils von mir oder von Leuten, die mit mir Segeln waren, die CT-Scans im Hintergrund sind von meinem Kopf und von 1997 und alle Texte sind von mir. An dieser Stelle einen großen Dank an Axel Beckert, ohne dessen Hilfe und Codebeispiele ich noch ca. 2 Jahre gebraucht hätte um durch Blosxom durchzusteigen :-).
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